8. September 2014; Prof. Dr. Paul Kühn

Prof. Dr. rer. nat, Dr.-Ing. E.h. Karl Ganzhorn
geb. am 25. April 1921 in Sindelfingen, gest. am 25. August 2014 in Sindelfingen

Mit Professor Karl Ganzhorn würdigen wir eine Persönlichkeit, die herausragende wissenschaftliche und technische Leistungen vollbracht hat und maßgeblich den Ruf der deutschen Wissenschaft auf dem Gebiet der Grundlagen von Halbleitern, der Entwicklung hochintegrierter elektronischer Schaltkreise (Chips) und den daraus aufbauenden Computersystemen begründet hat. Er war der Gründer des Entwicklungs- und Forschungslabors Böblingen der Fa. IBM, welches sich in den letzten 50 Jahren zu einem der weltweit führenden Labors für die Entwicklung von elektronischen Komponenten und Computersystemen entwickelt hat und hat damit zum hohen Ansehen des Industrie-Standorts Deutschland auf dem Gebiet der Informationstechnik und der industriellen Innovation beigetragen. Er erhielt für seine wissenschaftlichen Leistungen 1977 die Ehrendoktorwürde von der Universität Stuttgart.

Karl Ganzhorn entstammte einer Arbeiterfamilie und erwarb durch seine schulischen Leistungen eine Freistelle des Goldberg-Gymnasiums, wo er 1939 das Abitur ablegte. Es folgte ein vierjähriger Wehrdienst im Afrikakorps. Er geriet für weitere vier Jahre in englische und französische Kriegsgefangenschaft in Nordafrika. Dort gelang es ihm als Ordonnanzoffizier Weiterbildungsmöglichkeiten zu nutzen. Er nahm 1947 das Studium der Physik an der damaligen Technischen Hochschule Stuttgart auf, wo er bereits 1951 bei Professor Ulrich Deilinger mit einer Arbeit aus der theoretischen Festkörperphysik promovierte.

1952 trat Karl Ganzhorn in die Fa. IBM in Böblingen ein, wo er ein Entwicklungsteam leitete, aus dem 1958 das IBM-Entwicklungslaboratorium hervorging. Die Entwicklung der elektronischen Datenverarbeitung nahm mit der Erfindung des Transistors 1948 und mit der Erfindung integrierter Schaltkreise und Computermodule in den 60er Jahren eine atemberaubende Entwicklung, welche heute gerne dem “Mooreschen Gesetz” zugeschrieben wird und welche seitdem mit der Verdoppelung von Rechenleistung und Speicherkapazität innerhalb von jeweils 18 Monaten bis zum heutigen Tage einem exponentiellen Wachstum folgt. Diese Fortschritte waren überhaupt nur dadurch möglich, dass Erkenntnisse aus der Fest-
körperphysik, der Werkstoffe und Fertigungstechnologien, der Entwurfsmethodik für elektronische Schaltungen, der mathematischen Optimierung und des Entwurfs komplexer Verarbeitungseinheiten der Informatik zusammenwirken und durch entsprechende Programmwerkzeuge ("Tools") unterstützt werden. Neben den theoretischen Grundlagen und Verfahren konnte in den Böblinger Labors von Anfang an auf die Böblinger Fertigungs-Pilotlinie zurückgegriffen werden, wo durch die Erprobung unmittelbare Erkenntnisse erworben wurden und in die Verlässlichkeit der
Entwurfs- und Fertigungsverfahren einfließen konnten. Auf diese Weise sicherte sich das Böblinger Labor einen festen Platz im Verbund eines führenden weltweiten Herstellers wie der IBM und erlangte auf diese Weise in den 70er bis 90er Jahren zu weltweitem Ansehen als eines der innovativsten Wirkungsstätten, aus denen neue Technologien wie die CMOS-Technik, die SOI-Technik (Silicon-on-Isolator), der Kupfer-Metallisierung, der Chip-Selbsttest, die Mehrschicht-Packungstechnologie und nicht zuletzt die durch den Bonner Mathematiker Bernhard Korte begründete Optimierung der Anordnung von hunderten von Millionen Komponenten auf einem Mikrochip hervorgingen. Das Böblinger Labor hat damit auch zum Welterfolg der IBM Computerserien /360, /370 und /390 entscheidend beigetragen.

Karl Ganzhorn leitete das IBM Entwicklungslabor seit 1958, war von 1963 bis 1973 Direktor der IBM-Laboratorien Deutschland, Österreich und Schweden, Vorstandsmitglied seit 1967, von 1973-1975 Direktor für Wissenschaft und Technologie IBM Europa und bis 1978 Vizepräsident für Datenkommunikation von IBM USA. 1986 ging er in den Ruhestand. Ihm oblagen verantwortungsvolle Positionen auch ausserhalb der IBM: Er war in den 70er Jahren Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) und gehörte bis 1987 dem Wissenschaftsrat an. Neben der Ehrendoktorwürde der Universität Stuttgart wurde er vom Land Baden-Württemberg zum Honorarprofessor an der Universität Karlsruhe (heute: KIT) berufen, erhielt die Würde eines Ehrensenators der TU München, war Berater mehrerer Max-Planck-Institute in Stuttgart und München sowie der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Braunschweig und ist Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes.

Trotz der vielen Verantwortlichkeiten hat Karl Ganzhorn stets regen Kontakt und die Zusammenarbeit mit seiner Heimatuniversität Stuttgart gepflegt. Viele unserer Absolventen aus Physik, Elektrotechnik und Informatik fanden in den Böblinger und anderen IBM-Labors wie Rüschlikon, Poughkeepsie, Austin, San Jose oder Yorktown Heights ihre berufliche Wirkungsstätte. Gerne erinnern wir uns an die Begegnungen mit Karl Ganzhorn. Wir verneigen uns vor ihm und seinen Leistungen und werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.


Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Dr. h.c. Paul J. Kühn
Institut für Kommunikationsnetze und Rechnersysteme, Universität Stuttgart

Hinweis:
Eine geschichtliche Darstellung der Entwicklung und Arbeit der IBM Laboratorien Böblingen ist erschienen als:

5. The IBM Laboratories Boeblingen: Semiconductor and Chip Development.
A Personal Review by Horst E. Barsuhn and Karl E. Ganzhorn,
Research and Development in IBM Germany Series V, 2005.
ISBN 3-937267-07-7
Röhm Typofactory Marketing GmbH, Sindelfingen, germany.